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Das Handwerk

Tipps und Tricks – Portraitfotografie

Wie irrsinnig habe ich mich gefreut, als ich neulich angeschrieben worden bin, ob ich nicht noch einmal ausführlicher über Portraitfotografie schreiben könnte. Was für ein Vergnügen!

Ja, ich habe bereits einen Beitrag zum Thema ehrliche Portraits gemacht, aber wir wollen uns hier, neben dem Gefühl, welches unsere Bilder vermitteln sollen, mal mit ein paar technischen Kniffen auseinander setzen. Auf was muss ich achten? Welche Kameraeinstellungen, welches Licht, welcher Winkel ist hilfreich? Wie arbeite ich mit einem Model zusammen? Wie kann ich so ein Shooting gestalten?

Fragen über Fragen! Darum lass‘ uns lieber gleich anfangen, bevor ich mich wieder in meinem wortreichen Geschwafel verliere.

Welches Setting wähle ich?

Bevor wir uns mit dem WO? und dem KAMERA-SETTING beschäftigen, würde ich mich kurz gerne dem WANN? widmen. Das ist nämlich maßgeblich, wenn es um die richtige Lichtsituation geht.

Das Licht

Da ich bisher nur Erfahrungen mit Natural-Light-Shootings gemacht habe, kann ich dir im Moment wenig über die Situation im Studio sagen. Vielleicht ist das ein Thema, dass ich bei Gelegenheit mal in Angriff nehmen kann.

Ich versuche so gut es geht, immer eine sanfte Lichtsituation zu wählen. Sanft deshalb, weil es besonders gleichmäßig das Gesicht beleuchtet. Dazu zählt bewölktes Wetter und die Stunden um Sonnenauf- und -untergang. Dieses Licht ist gerade für die Portraitfotografie unheimlich vorteilhaft, zaubert weiche Schatten und einen ebenmäßigen Teint.

Besonders hartes Licht um die Mittagszeit bzw. im Sommer dementsprechend länger, ist etwas schwieriger zu händeln. Damit du eine Vorstellung von hartem Licht und Schatten bekommst: hier ein kleines Negativ-Beispiel, dass ich in der Nachbearbeitung unheimlich aufwendig korrigieren musste.

Eines meiner ersten Portraits – ein tolles Foto! Aber selbst mit aufwendiger Nachbearbeitung ist die harte Schattenkante noch zu sehen.

Manchmal ist man zeitlich etwas gebunden. Da kann man nicht einfach mit dem Finger schnippen und die Sonne ist gerade am untergehen. Wenn dem so ist, bietet es sich an, sich in eine große Schattenfläche zurück zu ziehen, da brennt die Sonne nicht so runter.

Der Ort

Hier sollte man sich tatsächlich kurz überlegen, was man mit dem Foto aussagen möchte. Soll es ein Bild für eine Business-Website werden? Je nach Business würde ich das dann zum Beispiel nicht am Strand machen. Überlege, welche Stimmung das Bild transportieren soll und suche den Ort danach aus. Jeder Ort hat einen ganz besonderen Vibe. Der Strand oder ein Feld sind beispielsweise nicht mit dem Urban-Feeling einer (Groß-)Stadt zu vergleichen. Wähle am besten einen Ort, an dem du und vor allem dein Model sich wohl fühlen.

Wenn du den Ort kennst, spiele mit den Farben. Sorge dafür, dass sich dein Model gut vom Umfeld abhebt. Farbe lenkt Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit lenkt den Blick. An dieser Stelle kann man gut mit Kontrasten spielen z.B. ein leuchtend gelber Regenmantel vor einem unaufgeregten Hintergrund oder ein grauer Pullover vor einer roten Backsteinwand. Die Unterschiede müssen nicht immens sein, aber bewusstes Hinsehen und vor allem bewusstes Entscheiden hilft bei der Bildgestaltung.

Mein beigefarbener Mantel hebt sich sehr schön von dem Blau des Meeres und des Himmels ab, ohne zu dominant zu sein. Das Bild wirkt so recht ausgeglichen.
Das Kamera-Setting

Ich verrate hier die Kamera-Einstellungen, die mir schon so manche schönen Überraschungen bescherrt haben.

  • Offenblende: Eine weit geöffnete Blende zaubert ein wunderschönes Bokeh, stellt des Motiv gut frei und lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Model.
  • Kurze Belichtungszeit: Bewegungsunschärfe ist ein Stilmittel, dass wirklich Wundervoll wirken kann. Für Portraits ist es allerdings eher nicht geeignet. Ganz im Gegenteil – Es sieht so toll aus, wenn man z.B. sieht, wie die Haare im Wind fliegen. Wir wollen also das Bild „einfrieren“, dafür macht sich eine kurze Belichtungszeit unheimlich gut.
  • Serienbildmodus: Diese Einstellung hat mir schon so oft den Hintern gerettet! Es ist einfach zu frustrierend, wenn du durch den Sucher einen tollen Moment siehst und du nicht im richtigen Moment ausgelöst hast. Die Wahrscheinlichkeit, dass dir genau das mit dem Serienbildmodus passiert, ist zwar nicht ausgeschlossen, aber immerhin erheblich kleiner.
  • Brennweite: An dieser Stelle sollte ich eimal kurz erwähnen, dass unterschiedliche Brennweiten, dass Gesicht unterschiedlich vorteilhaft aussehen lassen, da kurze Brennweiten das Gesicht um den Fokuspunkt etwas stauchen. Wähle im Zweifelsfall lieber eine etwas längere Brennweite. 50mm – so, wie wir es mit dem menschlichen Auge wahrnehmen ist ein guter Anhaltspunkt. Von dort aus kann man sich mit der Brennweite nach oben oder unten orientieren. Viele Portraitfotografen wählen auch gerne Brennweiten um die 85mm.
  • Objektivwahl: Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man bereits mit einem Standart-Objektiv von 18mm-55mm ganz hervorragende Portraits machen kann. Ich selbst besitze aktuell auch nur zwei Objektive und beide sind wunderbar für dieses Unterfangen geeignet. Was sich allerdings noch einen ticken besser macht – und was ich mir perspektivisch auch mal zulegen möchte – ist eine Festbrennweite. Damit kann man nicht zoomen, aber das Objektiv ist optimal auf diese Brennweite ausgelegt und kann dementsprechend die Grenzen des Möglichen verschieben.

Das Fotoshooting

Nachdem wir das ganze Drumherum gerade besprochen haben, können wir uns nun dem eigentlichen Ereignis zuwenden: dem Fotoshooting. Wie arbeitet man mit einem Model?

Wichtig ist, dass ihr euch beide wohlfühlt: du und das Model. Unsicherheiten wird man sehen. Trau dich, klare Anweisungen zu geben um genau deine Vorstellungen zu realisieren. Trau dich, Natürlichkeit einzufangen oder eine Situation komplett zu kreiren. Trau dich, deine Fotos als Kunst zu deklarieren. Trau dich, auch mal miese Fotos zu machen. Ach was erzähl‘ ich da? „Mal miese Fotos“? Stell dich darauf ein, das ein Großteil deiner Bilder nicht der Hammer sein werden.

Das liegt nicht daran, dass du es einfach nicht drauf hast. Nein, das ist normal. Selbst Berufsfotografen präsentieren oft nur 1% aller Bilder, die sie machen. Aber das sind dann die besten. Die Fotos, die die Arbeit wert sind. Die Fotos, die dich vom Hocker hauen! Wenn du dir unsicher bist, ob das auch alles stimmt, was ich da erzähle, habe ich hier eine Buchempfehlung für dich:

„Eins reicht“ von Sebastian H. Schroeder – erschienen im dpunkt.verlag

Schroeder zeigt auf, warum es besser ist, sich auf die wenigen, wirklich guten Fotos zu konzentrieren, statt durch die Flut an Fotos zu irren und weder Anfang noch Ende zu kennen.

Shooting-Tipps kurz und knackig
  • Achte auf die Kinnlinie: es gibt von jedem Menschen mindestens ein Foto, auf dem er mit einem Doppelkinn zu sehen ist. Und lass mich eins sagen: es steht niemandem gut. Das hat erstmal nichts mit dem Körperfettanteil zu tun, sondern vor allem mit Haltung und dem falschen Moment. Achte also darauf, dass sich das Gesicht optisch ganz eindeutig von der Halspartie abheben lässt. Du kannst Anweisungen geben und ganz gezielt darauf hinweisen oder – wenn dein Model damit einverstanden ist – die Person nach deinen Wünschen positionieren. Wenn es partout nicht klappen mag, hilft es oft, bei einem Gespräch nebenbei zu knipsen. Bei einer angeregten Unherhaltung entstehen meist die natürlichsten Fotos.
  • Der richtige Winkel: Meistens denken wir an „frontal, auf Augenhöhe“, wenn wir an Portraits denken. Aber auch andere Perspektiven können spannend sein. Leicht von unten fotografiert, gibt zum Beispiel das Gefühl von Erhabenheit. Hier ist die Kinnlinie besonders wichtig! Von etwas weiter oben fotografiert vermittelt das Bild eher etwas freundliches, süßes. Profil und Halbprofil geben dem Fotografen eine Art Beobachterposition. Probiere dich aus und überlege, was dir am besten gefällt. Achte aber auch auf störende Dinge im Hintergrund. Ich habe schon so oft wundervolle Portraits fotografiert und erst im Nachhinein die grelle, blaue Mülltüte eines Mülleimers im Hintergrund entdeckt. Checke solche Dinge am besten vorher ab.
  • Der Blick in die Kamera: Ich habe es bereits in meinem anderen Artikel erwähnt, dass ich von dem Blick in die Kamera nur dann überzeugt bin, wenn ich mehr als müdes Kameralächeln sehe. Warum? Wenn wir einen Film, eine Serie oder ein Theaterstück sehen, dann interagieren die Schauspieler nicht mit der Kamera. Der Zuschauer bleibt stiller Beobachter. Tut er es doch, so wird im Schauspiel davon gesprochen „die 4. Wand zu durchbrechen“. Plötzlich erwartet der Betrachter eine Art Interaktion. Wenn diese Interaktion nicht stattfindet, weil nur halbherziges Kamera-Lächeln zu sehen ist, spüre ich zumindest eine Art Enttäuschung. Bei einem Blick in die Kamera möchte ich also eine kommunikative Mimik. Ein verschmitzes Lächeln, überbreites Grinsen, ein Augenzwinkern oder ein Blick, der tiefe Gedanken verrät.
  • Entspannt euch: Stress und Anspannung sind ein absoluter Garant für schlechte Bilder. Nehmt euch die Zeit. Mach dich frei von allzu konkreten Erwartungen und Vorstellungen, denn die wirst du kaum erfüllen können. Du verlierst dadurch die Spontanität und deine Kreativität, wenn du dich allzu sehr festfährst.

Wow, ich fürchte, das war ganz schön viel Input. Gib‘ mir doch Bescheid, wie dir der Artikel gefallen hat, gerne mit einem Daumen hoch oder einem Kommentar. Du erreichst mich auch über das Kontaktformular oder auf Instagram unter @derfotovogel. Ich freue mich drauf!

Bis dahin, alles Liebe!

Deine Stephie

2 Antworten auf „Tipps und Tricks – Portraitfotografie“

Hi und Grüsse aus der Nähe von Frankfurt. DAS, was du hier geschrieben hast, liest sich seeeeeehr gut und verständlich für Foto-Newbies. Auch wenn du dich vielleicht selber noch dazu zählst. Du hast schon viele sehr wichtige Punkte aufgegriffen und gut erklärt. Klasse! Weiter so.

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