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Den eigenen Fotografiestil finden

In Zeiten, in denen zweifellos jedes Smartphone eine gute Kamera besitzt und jeder zweite ständig seinen Kaffee fotografieren muss, werden wir von Bildern geflutet, in Massen, wie sie seit der Entstehung der Fotografie einzigartig sind. Als Hobbyfotografin frage ich mich natürlich, wo meine Fotos hier ihren Platz haben. Ich liebe meine Arbeiten, jede einzelne von ihnen. Aber warum sollte jemand anderes ausgerechnet meine Bilder mögen? Wenn dir die Frage an dieser Stelle vielleicht etwas trivial erscheint, stellen wir uns nur mal vor, wie viele (angehende) Berufsfotografen sich täglich damit auseinander setzen müssen. Der Markt ist so gesättigt mit guten Fotos von guten Fotograf*innen, dasss man sich zwangsläufig fragen muss, warum man denn gerade mir oder dir diese Aufmerksamkeit zukommen lassen sollte.

Dein Stil macht dich einzigartig!

Das haben wir bestimmt alle schon irgendwo mal gehört, wenn es ums fotografieren ging. Aber mal blöd gefragt: Kennst du deinen Bildstil? Ich kannte ihn auf jeden Fall nicht – nicht so richtig.

Als mein ältester Bruder mir zu Weihnachten eine Fotografie-Masterclass mit Annie Leibovitz schenkte, fiel es mir fast wie Schuppen von den Augen. Annie – eine der aktuell erfolgreichsten Fotograf*innen – zeigte während ihrer Kurse einige ihrer liebsten Werke. Und… sie gefallen mir einfach nicht.

Oh Gott, jetzt hat sie’s gesagt!

Versteh‘ mich bitte nicht falsch. Annie Leibovitz ist eine großartige Fotografin, die auch nicht ohne Grund so erfolgreich ist. Aber es gibt von ihren vielen tollen Arbeiten, einige Bilder, die mir einfach nicht gefallen. Ich finde sie nicht ansprechend, nicht atmosphärisch genug, mir ist das Farbprofil zu platt, oder ich hätte die Person einfach anders inszeniert. Wie aber bereits erwähnt, sind diese Bilder ihre Lieblinge. Die Fotos, die sie unter all ihren Werken am Besten findet. Ich will ganz ehrlich mit dir sein, würde ich einige dieser Bilder in meiner Kamera entdecken, würde ich sie gnadenlos löschen, weil ich einfach nicht das sehe, was Annie in ihnen sieht – es ist einfach nicht mein Stil.

Und da kommen wir auch schon zu einem ganz wichtigen Punkt:

Unser Bildstil ist gekoppelt mit unserem eigenen Sinn für Ästhetik!

Eigentlich logisch, oder? Etwas, dass wir nicht schön oder optisch ansprechend fänden, würden wir ja nicht fotografieren. Und wenn doch, würden wir es ziemlich schnell aussortieren.

Wie kommt es dann, dass wir nicht alle die gleichen Bilder machen?

Es gibt so viele tolle Fotos und wie oft dachte ich mir: „Wenn ich die gleiche Gelegenheit gehabt hätte, hätte ich dieses Bild auch gemacht. Auch genau dort gestanden, auch genau in dieser Sekunde auf den Auslöser gedrückt und das Bild ganz genauso…“

Du merkst schon worauf ich hinaus will, oder? Ich habe es lange nicht so richtig glauben wollen, aber mehrere Erfahrungen der letzten Wochen ließen mich zu dem Schluss kommen, dass es eigentlich unmöglich sein dürfte, ein Foto ganz genau zu replizieren – egal, ob nun durch Zufall oder aus voller Absicht. Deshalb möchte ich diese Erfahrungen gerne mit dir teilen.

  • Die Masterclass mit Annie Liebovitz war eigentlich nur der Anfang. Sie zeigte mir vor allen Dingen, wir unterschiedlich man an Situationen herangehen kann. Wie unterschiedlich unsere Sichtweisen sind, unser Sinn für Ästhetik und wie unterschiedlich die Geschichten sein können, die wir mit unseren Bildern erzählen wollen. In einer weiteren Masterclass mit National Geographic Fotograf Jimmy Chin wurde mir bewusst, dass selbst bei der Bildauswahl die Meinungen schon sehr auseinander driften können. Er zeigte gerade, wie er Bilder, die er zuvor bei einem Fotoshoot gemacht hatte, für einen Artikel auswählt und bearbeitet. Aber die Fotos, die ich von allen am besten fand, waren ihm viel zu „overdramatic“ und so entschied er sich für ein anderes aus der Bildserie. Erst war ich verunsichert. Lag ich falsch? Hatte ich tatsächlich die schlechtere Wahl getroffen? Aber nein, die Bilder aus dieser Serie waren alle gut. Niemand kann im Angesicht von Ästhetik von Richtig oder Falsch sprechen. Du findest ein Bild schön? Dann ist das so!
  • Vor zwei Wochen dann, fiel der erste Schnee in Stralsund. Also der erste Schnee, der tatsächlich liegen blieb. Ich war frühmorgens vom Winterdienst geweckt worden und deshalb noch vor Sonnenaufgang mit meiner Kamera unterwegs. Die noch nicht aufgegangene Sonne tauchte alles in ein zartrosa Licht. Wie so oft um diese Tageszeit, traf ich unheimlich viele gleichgesinnte Fotograf*innen und habe tatsächlich auch einige Bilder hinterher im Netz entdeckt. Dabei ist mir besonders ein Bild ins Auge gestochen. Es muss etwa zur gleichen Zeit entstanden sein, wie meins – die Fotografin stand nur wenige Meter entfernt von mir. Und obwohl wir das gleiche Motiv fotografiert hatten, sah ihr Bild vollkommen anders aus. Meine Version siehst du im Titelbild, oder hier in der kleinen Galerie, ganz links. Wir entschieden uns unabhängig voneinander für unseren Standort, für den Blickwinkel, für den richtigen Zeitpunkt zum Auslösen, für das beste Bild aus einer Bildserie und für unsere eigene Art, ein Bild zu bearbeiten. Nur dem Sinn für Schönheit und Ästhetik folgend.
  • Auch möchte ich dir von meinem allerersten Paarshooting erzählen – mit meinem ältesten Bruder und meiner Schwägerin. Es war Silvester und ziemlich kalt draußen. Wie so oft, wenn ich etwas noch nie gemacht habe, fing ich erst einmal an zu recherchieren und mir ein bisschen Inspiration zu suchen. Als mein Bruder und ich so das Internet durchforsteten, waren wir recht schnell enttäuscht, weil uns nichts davon wirklich beeindruckte. Ich weiß nicht, ob du jemals nach Paarfotos gegoogelt hast, aber ein Großteil davon sieht tatsächlich ziemlich ähnlich aus: in den Armen liegend, anhimmelnd, knutschend oder Huckepack durch’s Blumenfeld laufend. Die Bilder sind technisch unheimlich gut gemacht, aber sie sprechen mich trotzdem nicht an. Mir persönlich fehlt der Kontext. Diese Art von Bildern, die aus einer Situation heraus entstehen und nicht von vorne bis hinten konstruiert sind. Besonders in der Streetfotografie oder im Bildjournalismus zu finden. (Falls du ohnehin grad am Paarbilder googeln warst, kannst du zum Vergleich vielleicht einmal nach Bildern von den Royals suchen. Und ja, es gibt meiner Meinung nach unheimlich tolle Paparazzifotos: Lady Diana oder Herzogin Kate mit ihren Kids oder ihren Ehemännern zum Beispiel). Wenn ich das jetzt mal mit meinen Arbeiten von diesem Shooting mit meinem Bruder vergleiche, kann ich immer noch große Unterschiede erkennen. Obwohl mir dieser Paparazzi-Bildstil sehr gefällt, entspricht er also nicht unbedingt meinen tatsächlichen Werken. Grundsätzlich kann das viele Gründe haben. Hier, in diesem Beispiel bin ich einfach noch nicht soweit, um das so umzusetzen, wie ich das gerne hätte.

Was ich damit sagen möchte: der Fotografiestil ist eine Mischung aus deinem eigenen Sinn für Ästhetik und dem, was für uns persönlich umsetzbar ist.

Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass der eigene Bildstil nicht statisch ist. Wir entwickeln uns ständig weiter, genauso wie unser Geschmack und unsere Fähigkeiten. Wir lernen dazu. Wir probieren aus, fallen hin, stehen wieder auf und versuchen es anders.

Es gilt also, sich immer wieder mit dieser Thematik auseinander zu setzen.

FRAGEN, DIE DABEI HELFEN:

  1. Was gefällt mir? Und fast noch viel wichtiger: Was gefällt mir nicht? Nur, weil wir ein Foto ansprechend finden, heißt das nicht, dass wir auch so ein Bild machen würden, hätten wir die Gelegenheit dazu. Deshalb kann es aufschlussreicher sein, sich mit dem auseinander zu setzen, was man auf keinen Fall in der eigenen Kamera finden will. Je konkreter desto besser. Beispiel: ich mag klare Farben, tiefes Schwarz aber Bilder, die zu konstruiert aussehen, sind einfach nicht mein Ding (von mir wird’s bestimmt kein wir-laufen-Huckepack-durchs-Blumenfeld-Foto geben).
  2. Gibt es sich wiederholende Muster, Farben in meinen Bildern? Es hat eine Weile gedauert und eine Menge Bilder gebraucht, bis ich da überhaupt einen Zusammenhang gesehen habe. Aber tatsächlich finden sich meinen Bildern oft warme Farben und ein leicht violetter Farbstich wieder. Ich arbeite häufig mit Geländern, Wegen und Treppen, die ins Bild hinein führen und ich liebe es, die Schönheit von ganz gewöhnlichen Dingen festzuhalten. Manchmal fällt einem aber auch erst etwas auf, wenn man darauf angesprochen wird. Mein zweitältester Bruder rief mich neulich an: „Hey Stephie, weißt du, was mir aufgefallen ist? Bei deinen schönsten Bildern, also die, die mir persönlich am besten gefallen, gibt es immer etwas zu lesen – da ist immer ein Wort versteckt, manchmal ganz klein, manchmal ganz auffällig… ich glaub das ist dein Ding!“
  3. Kann ich den Stil von anderen Fotograf*innen erkennen? Und wie grenzt sich dieser von meinen Bildern ab? Wertfreies Vergleichen hilft hier viel. Und ich schreibe ganz bewusst „wertfrei“, weil es nicht darum geht, seine eigenen Arbeiten oder die, der anderen nieder zu machen. Es geht auch nicht darum, etwas abzukupfern oder auf Biegen und Brechen etwas genauso umsetzen zu wollen, weil das bei Fotograf XY so toll aussah. Sondern es geht darum, nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zu suchen. Immer mit dem Wissen, dass man das eigene Foto nicht einfach mal so gemacht hat, sondern weil man etwas darin gesehen hat. Etwas schönes, etwas besonderes. Was sehen andere Fotograf*innen, was ich nicht sehe und was sehe ich, was andere nicht sehen?
  4. Bin ich mir bewusst, was ich tue? Ich stelle diese Frage, weil ich möchte, dass unsere Bilder ganz konkret von versehentlich schlechten Exemplaren abgegrenzt werden. Hast du gewusst, dass das Titelbild dieses Artikels hier, auf Instagram ziemlich gefloppt ist? Ich habe unheimlich viel Reichweite und Likes einbußen müssen und sogar meinen ersten negativen Kommentar dazu erhalten. Die Kritik daran war, dass das Bild beliebig aussieht, der Aufbau und die Komposition nicht stimmt. Tatsächlich kann ich das sogar nachvollziehen. Mir ist durchaus bewusst, dass das Bild weder im goldenen Schnitt gestaltet ist, noch dass es überhaupt ein Hauptmotiv gibt, dass die Aufmerksamkeit auf sich zieht und überhaupt: die dunklen und hellen Stellen am unteren Bildrand halten sich nicht die Waage. Aber soll ich dir was sagen? Mir gefällt es trotzdem und ich habe mich immer, und immer, und immer wieder ganz bewusst FÜR dieses Foto entschieden. Man kann mit jeder einzelnen Fotografie-Regel brechen, solange man es mit Absicht tut. Aber man sollte nicht irgendwas machen und versehentlich verwackelte Bilder als einen Stil bezeichnen.
  5. Was würde ich gerne fotografieren und was fotografiere ich tatsächlich? Diese Frage ist hilfreich, wenn es darum geht, wohin sich der eigene Bildstil noch entwickeln kann. Die Fotografie ist eine Kunstform und Kunst lässt sich bekanntlich schwer messen. Ich kann mir vorstellen, dass genau diese Tatsache dazu führt, dass man sich generell selten die Frage stellt, wo man eigentlich hin möchte und warum man nicht schon dort ist. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass diese Frage maßgeblich ist, bei der persönlichen Weiter-entwicklung und auch beim definieren des eigenen Bildstils. Vielleicht haben meine Bilder schon Züge dessen, was ich eigentlich anstrebe.

All diese Fragen können helfen, den eigenen Fotografiestil zu definieren. Es kostet ein wenig Zeit und wirklich tiefgehende Beschäftigung mit diesem Thema. Vielleicht, weil man bei anderen oft schneller einen roten Faden entdeckt, als bei sich selbst.

Letztenendes geht es darum, bewusst zu fotografieren, seine Werke zu lieben, nicht irgendwo abzukupfern, sondern das zu nehmen, was einem gefällt und es auf seine Weise zu interpretieren und umzusetzen. Es ist in Ordnung, wenn andere Leute meine Bilder nicht mögen, genauso wie es in Ordnung ist, wenn ich ein paar Bilder nicht mag – selbst, wenn die erfolgreichste Fotografin der Welt sie gemacht hat. Wir können nicht alle das Gleiche schön finden und das ist auch gut so. Die Welt braucht unterschiedliche Sichtweisen und Vielfalt, nur das macht das Leben und auch die Fotografie interessant.

Wie geht es dir mit diesem Thema? Kennst du deinen Fotografie-Stil? Lass es mich wissen – unten in den Kommentaren oder über mein Kontaktformular.

Ich freue mich auf deine Nachrichten!

Alles Liebe, deine Stephie

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